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Deutschland, fremde Heimat
So leben Türken in Deutschland

Von Melih Serter

"Wir kamen als Arbeiter und wollten bald wieder zurück in unsere Heimat". Heute fühlen sich türkische Mitbürger nicht mehr als Gastarbeiter, sondern als ein Teil von Deutschland. Nur mit einem anderen kulturellen Hintergrund.
Türkischer Gemüseladen; Rechte: DDPBild vergrößern

Türken in Deutschland gehören dazu

In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Türken. Als Gastarbeiter wurden sie schon in den 60ern nach Deutschland eingeladen. Sie wurden gebraucht: an den Fließbändern, in den Bergwerken oder als Lagerarbeiter. Knochenarbeit, die gut bezahlt wurde. Am Anfang kamen deshalb nur die Männer. Mit dem Ziel: Innerhalb weniger Monate viel Geld für ein neues Auto und ein Haus verdienen.
Perihan Sürücüs Eltern präsentieren in den 70ern stolz ihr neues Auto; Rechte: WDR/SerterBild vergrößern

Das erste Auto wird stolz präsentiert

Mehmet Kilci hatte vor 33 Jahren die gleichen Vorstellungen. "Nach einem Jahr Montagearbeit in Frankfurt bin ich zu meiner Familie in die Türkei zurückgeflogen. Doch die Firma wollte, dass ich wieder nach Deutschland komme."

Er folgte der Aufforderung. Nur dieses Mal brachte er seine Familie mit. Immer noch mit der Hoffnung, bald zurück in die Türkei zu ziehen. Daraus ist bis heute nichts geworden. Stattdessen kamen Kinder, ja sogar Enkelkinder in Deutschland zur Welt.

Mehmet Kilci gehört zu den Gastarbeitern, die nicht ein Leben lang in einer Fabrik arbeiten wollten. Er bildete sich weiter, zog nach Aachen und wurde Berater bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). "Ich hatte schon in der Türkei Deutsch gelernt. Und als ich nach Deutschland kam, belegte ich weitere Kurse. Meine Freunde haben sich darüber lustig gemacht, aber das war mir egal."


Der AWO-Mitarbeiter wird ständig mit Problemen seiner türkischen Mitmenschen konfrontiert. Noch immer brauchen sie Hilfe beim Schriftverkehr mit den Behörden. Der Grund - sprachliche Defizite. "Seit diesem Jahr ist es für jeden, der nach Deutschland kommt, Pflicht, einen Deutschkurs zu belegen, das hätte es schon früher geben müssen", sagt Kilci.

Die Probleme haben sich allerdings verändert. "Vor einiger Zeit brauchten viele meine Hilfe bei der Steuererklärung oder der Aufenthaltserlaubnis. Jetzt ist Rat bei der Job-Suche gefragt." Die Arbeitslosigkeit sei zum größten Problem geworden.
"Wir haben uns angepasst, aber nicht integriert!"
Mehmet und Zihnet Kilci sitzen im eigenen Garten; Rechte: WDR/SerterBild vergrößern

Mehmet Kilci und seine Frau im Garten

Es gibt nur wenige türkische Familien, die deutsche Freunde haben. Die Kilcis gehören dazu. Zihnet, die Frau des AWO-Angestellten, trifft sich regelmäßig mit ihren deutschen Nachbarinnen. "Wir trinken Tee, unterhalten uns und lernen dabei viel voneinander." Nur wer die Werte des anderen kenne, dürfe auch Akzeptanz erwarten", meint Mehmet.

Unmut äußert er über die Politik. "Wir leben hier jetzt seit 33 Jahren, zahlen seit 33 Jahren Steuern, haben 33 Jahre lang das Land mit aufgebaut und noch immer kein Mitspracherecht." Mehmet und seine Frau weigern sich, Deutsche zu werden. "Ich muss kein Staatsangehöriger eines Landes sein, das mich wie einen zweitklassigen Menschen behandelt ... deshalb haben wir uns angepasst, aber nicht integriert!" Für ihn bedeutet Integration nicht, dass eine Seite komplett die Werte der anderen verinnerlicht. Integration sei ein beidseitiges Arrangement.
Ein halbes Leben lang in Deutschland
Mehmet Kilci repariert eine Kuckucksuhr, Um ihn herum sind etwa 1000 Uhren aufgestellt. Rechte: WDR/SerterBild vergrößern

Mehmet Kilci ist leidenschaftlicher Uhrensammler

Ihr halbes Leben haben die Kilcis in Deutschland verbracht und sie wollen in Deutschland bleiben. "Die Gesellschaft in der Türkei hat sich in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt. Diesen Prozess haben wir verpasst." Das stellen auch viele andere Türken während ihres jährlichen Urlaubs in der Türkei fest. "Wir fühlen uns wie Menschen zwischen zwei Kulturen."

Mittlerweile besitzen die Kilcis in Deutschland ein Zweifamilienhaus und leben zusammen mit ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und ihrem Enkelkind. Bei schönem Wetter genießt Mehmet die Ruhe in seinem Garten und bei schlechtem widmet er sich seinem Hobby: Uhren sammeln und reparieren.
Kinder wachsen mit zwei Kulturen auf

Die zweite Generation Gastarbeiter in Deutschland bildet ihre eigene Kultur, ein Mischmasch aus beiden Welten. Die Kinder bekommen zu Hause die türkischen Werte vermittelt und draußen die deutschen. Die daraus resultierenden Probleme sind weder zu übersehen noch zu überhören. Die Kinder stehen zwischen zwei Stühlen. Die Eltern sind der Meinung, sie verdeutschen und für ihre deutschen Freunde sind und bleiben sie Türken. Ein Grund, weshalb viele den Kontakt zu ihresgleichen, zu Deutschtürken, suchen.

Auch sprachlich unterscheiden sich die Jugendlichen sowohl von den Deutschen als auch von den Türken. Denn fast jeder Satz beinhaltet deutsche und türkische Vokabeln. Deutschtürken sprechen eben deutschtürkisch.
Deutschland ist ihre Heimat
Cemal und Perihan Sürücü trinken bei einer netten Unterhaltung schwarzen Tee; Rechte: WDR/SerterBild vergrößern

Schwarzer Tee ist das Nationalgetränk

Cemal Sürücü und seine Frau Perihan sind beide in Deutschland aufgewachsen. Er wurde konservativ türkisch erzogen - sie dagegen westlich: Deutsche Freunde und Diskobesuche waren erlaubt. Ein Grund für Cemals Eltern, gegen die Hochzeit der beiden zu sein. "Meine Eltern wollten, dass ich eine Frau aus der Türkei heirate - am liebsten mit Kopftuch." Seitdem sei der Kontakt zu seiner Familie fast abgebrochen.

Der 32-Jährige ist Arbeitnehmer, seine Frau Mitinhaberin eines Reisebüros. Zusammen mit ihrem 6-jährigen Sohn leben sie in einer Eigentumswohnung im Kreis Aachen. Deutschland ist ihre Heimat.

Der Glaube und Traditionen bleiben
6-jähriger Junge sitzt auf seinem Hochbett und spielt mit Power-Ranger Figuren. Rechte: WDR/SerterBild vergrößern

Der 6-jährige Enes wurde vor kurzem beschnitten

Während des Gespräches trinken beide türkischen Tee aus kleinen Gläsern. "Auch wenn wir viele türkische Sitten in Deutschland abgelegt haben, vom schwarzen Tee kriegt uns keiner weg", sagt Perihan.

Der Glaube spielt für viele Türken ebenfalls eine große Rolle. Auch wenn sie in Deutschland nicht fünf Mal täglich beten, den Fastenmonat Ramadan ignorieren und Alkohol trinken, halten sie an einigen Punkten trotzdem fest. Kein Schweinefleisch essen, beide religiösen Feste (Opferfest und Zuckerfest) begehen, die Söhne beschneiden lassen und dieses Ereignis groß feiern.
"In Deutschland hatten wir die Möglichkeit der bi-kulturellen Erziehung"
Portrait - Kemal Sahin; Rechte: SahinBild vergrößern

Kemal Sahin - Unternehmer

Einer der erfolgreichsten Türken in Deutschland ist Kemal Sahin. Weil er nach seinem Hochschulabschluss an der RWTH Aachen keine Arbeitserlaubnis bekam, beschloss er, sich selbstständig zu machen. "Ich habe mit 6.000 Mark einen kleinen Geschenkeladen eröffnet und Kunden bedient." Heute beschäftigt der Gründer von Sahinler Holding etwa 12.500 Mitarbeiter.


"Ich hatte keine Erfahrung in einem westlichen Land. Ich kam aus armen anatolischen Verhältnissen. Das war ein kultureller Schock für mich." Trotzdem hat sich der Geschäftsmann nicht nur auf seine türkischen Werte beschränkt. "Auf der geschäftlichen Ebene habe ich mir die deutschen Eigenschaften wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit angeeignet. Aber mein Privatleben ist türkisch."
Wir haben eine Mischkultur geschaffen

1983 hat Kemal Sahin eine Türkin geheiratet, die ebenfalls in Deutschland aufgewachsen ist. Ihre drei Kinder haben den Kindergarten besucht und wurden außerdem von einem deutschen Kindermädchen betreut. Gleichzeitig bekamen sie aber auch die türkischen Werte vermittelt. "Typisch türkisch bei uns im Haushalt sind unsere Essgewohnheiten, die Musik und einige familiäre Sitten und Werte."

Kemal Sahin glaubt, eine Mischkultur und somit für sich auch eine globale Kultur geschaffen zu haben. Seine Kinder sind zum Teil in der Türkei, in England und auch in den USA zur Schule gegangen. Dadurch hofft er, dass sie Menschen ohne Vorurteile werden. "Den Leuten, die in Deutschland bleiben wollen, würde ich raten, sich fortzuentwickeln. Dabei sollen sie auch ihre türkische Sprache und ihre Kultur erweitern. Die Sitten in der Türkei, der Familienzusammenhalt, das sind Werte, die unsere Gesellschaft reichhaltiger machen."
 
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